Bayern, des samma mia

Story 2

Ein unwiderstehlich zimtiger Geruch steigt mir in die Nase und weckt mich sanft aus meinen Träumen. Ich öffne langsam meine Augen und ein Lächeln macht sich über mein ganzes Gesicht breit. Diese himmlische Duftwelle kommt mir sehr bekannt vor und lässt mein Herz jedes Mal aufs neue schneller schlagen. Es ist der berühmte gedeckte Apfelkuchen meiner Mutter. Also, schnell raus aus dem Bett!

Ohne andere Mütter in den Schatten stellen zu wollen, habe ich in meinen 29 Jahren vergleichsweise keinen Kuchen probiert, der geschmacklich daran kommt. Ich weiß nicht, ob es an den Bauernäpfeln liegt, an der extra Prise Zimt oder, weil der Kuchen stets mit viel Liebe und nach genauer Rezeptur gebacken wird. Was ich jedoch sehr gut weiß ist, wie man dieses Stück Himmel (oder oftmals auch zwei Stück) verschlingt. Oder um mich selbst zu zitieren: „inhaliert“. Moris würde an dieser Stelle einfach nur den Kopf schütteln.

Ich schaue nach links – Wand. Nach rechts und blicke in den Raum meines alten Kinderzimmers. Bis auf das Prinzessin-Elsa-Kinderzelt, dass mitten in den Raum für meine 2-jährige Nichte platziert wurde, hat sich nach meinem Auszug nicht viel verändert. Neben meinem Bett befindet sich noch immer mein alter Kassettenrekorder mit alten Kindergeschichten wie „Räuber Hotzenplotz“ oder „Die kleine Hexe“ von Ottfried Preußler. Nennt mich verrückt, aber diese höre ich nach wie vor bei jedem Übernachtungsbesuch bei meinen Eltern an. Wie auch heute. Ich bin über das Wochenende in mein vertrautes Heim gefahren. Ich öffne das Fenster und atme die frische Landluft ein. Das Geschrei meiner Nachbarin „MARCEEEEL, OBE VOM ZAUN!!!!!!“ sind die ersten Worte, die mich an einem Sonntagmorgen im Dorf begrüßen. Herrlich.

Geboren und aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf, ca. 40 Minuten von München entfernt. Bayern möchte ich behaupten, ist einer der wenigen, wenn nicht sogar das stolzeste Bundesland Deutschlands. Hier wird noch Tradition großgeschrieben. Vor allem dann, wenn man die Möglichkeit hat „a Hoibe“ aufzumachen und anzustoßen.

Egal welch Vorurteilen ich in Bezug auf Bayern begegne, überwiegt meine tiefe Verbundenheit gegenüber der Tradition und der authentischen Art der „oid Eigsessnen“ und überaus skeptischen Bayer. Noch dazu ist der Humor 1A.

Ich renne die Treppen hinunter und folge dem Duft in die Küche. Und dem Geschrei einer Katze? Meine Mutter, die mit ihrer orange-grün-gestreiften Kochschürze und ihrer roten Brille auf der Nase in der Küche steht und zu der orientalischen Musik wippt und lautstark mitsingt, strahlt mich an, wünscht mir einen guten Morgen und stellt mir meinen Kaffee vor die Nase. Als zeitgleich mein Vater aus seinem Bastelkeller die Treppen hochstapft, sehe ich bereits, wie sich sein Gesicht mit jeder Stufe mehr und mehr zusammenzieht. Mein Vater leidet lieber mit seinem Gesicht, als meiner Mutter zu sagen, sie solle doch bitte mit dem Katzengejaule aufhören. Guter Mann!

Erster Punkt auf der Tagesordnung ist meine geliebte Oma zu sehen, die nur ca. 10 Minuten Fußweg entfernt wohnt. Da ich mir fest vorgenommen habe, dieses Jahr mehr Bewegung in den Alltag zu integrieren, meine Mutter bereits 20 Minuten auf mich eingeredet hat und meine Waage ca. 5 Kilo mehr anzeigt als gewohnt, gehen wir mit Oma, meiner Tante und meiner Mutter eine große Runde spazieren. Um meine Morgenroute durchführen zu können, benötige ich, wie ihr sicher bereits in meinem ersten Beitrag „Warum der Blog ‘Coco Chan(s)el’ ?“ mitbekommen habt, Musik! Ich schalte also in meinem alten Kinderzimmer die Boombox meiner Mutter an und öffne die Playlist „Make Undie Days great again 🪷#26“ von Lust und Liebe auf Spotify (ich klinge wie eine bezahlte Influencerin, sind aber tatsächlich meine meist gehörtesten Playlists und Songs). Mit dem Song „Girls Just Want to Have Fun“ stimme ich mich in den richtigen Vibe ein.

Ob ihr es glaubt oder nicht. Ich habe gerade in dieser Sekunde herausgefunden, wie man Musik in meinem Blog verlinkt und bin gerade der glücklichste Mensch!

Mein Outfit of the Day? Eine graue Mütze meines Dads, eine lange rosa Daunenjacke meiner Tante und schwarze Stiefel mit Fell meiner Mutter. Egal welch modebewusstes Trendsetter Leben du führen magst, hier legen die Leute noch auf wichtige Dinge wert. Wie zum Beispiel Höflichkeit und Zuvorkommenheit. Es ist normal, jeden der an einem vorbeigeht zu begrüßen und einen kurzen Smalltalk zu halten. Jetzt könnt ihr euch vorstellen, wie verwirrt mich die Stuttgarter ansahen, als ich fröhlich lächelnd jeder Person, die an mir vorbeiging ein „Hallo“ schenkte. Oder in der Bäckerei „Semmeln“ statt „Brötchen“ orderte. Ein „Tragerl“ statt „Kasten“ Wasser benötigte und mit „Fotzen“ nicht das Geschlechtsteil einer Frau, sondern das Prügeln oder den Mund meine und so weiter und so weiter …

Da ich von Natur aus ein bequemer Mensch bin und Sport eher meide bzw. davor, währenddessen oder danach wenig Sinn oder Erfüllung verspüre, versuche ich mich von dem energischen Walken meiner Tante und Mutter mitreißen zu lassen. Dabei die Hände währenddessen kräftig nach vorne und hinten werfen. Das soll die Kalorienverbrennung zusätzlich anregen. Ähnlich wie Nussknacker, wenn man ihn aufzieht, 😀 Unser Spaziergang führt uns durch Meisfelder, Waldstücke und frisch geodelten (Odel=Kuhmist) Wiesen. Als ich klein war, erklärte mir meine Tante, wie gut und gesund der Odel sei. Da ich mich nicht mehr daran erinnern kann, ob es nur bei diesem einen Satz geblieben war oder ich einfach nur nicht mehr weiter zugehört hatte (was bei mir sehr gut der Fall sein kann, weil ich = Aufmerksamkeitsspanne wie eine Eintagsfliege), habe ich Intelligenzbestie meinen eigenen Reim draus gemacht. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich ja nicht, dass es sich um die Wiese handelte, die meine Tante meinte. Also habe ich in der Hälfte meiner Kindheit bei jedem einzigen Mal, wenn ich an einem Bauernhof oder einer frisch geodelten Wiese vorbeistolzierte, einen tiefen Zug dieser warmen, würzigen Luft genommen, weil ich dachte, es wäre gesund für mich und meinen Körper. Moris würde an dieser Stelle ebenfalls den Kopf schütteln.

Noch kurz auf dem Weg das Schaufenster des einzigen Bestattungsunternehmens im Dorf, die Todesanzeigen begutachten um zu checken, ob jemand von uns gegangen ist, den man kennt und dann geht es auch schon wieder heim. Punkt 18 Uhr wird der Fernseher eingeschaltet, damit meine Mutter keine Folge „First Date“ verpassen. Darauf folgt „Das perfekte Dinner“ und als um 20:15 Uhr „Der Bergdoktor“ anläuft, finde ich es an der Zeit aufzubrechen und freue mich auf 2 1/2 Stunden Autofahrt, zu dieser Zeit staufrei, mit meinem Lieblings-Hörbuch „Die Chemie des Todes“ (absolut empfehlenswert für die Krimi-Liebhaber unter euch). Traditionell wird mir bei der Anfahrt Wasser hinterher geschüttet und dann geht es auch schon wieder mit einem lachenden und weinenden Auge in meine zweite Heimat Stuttgart.

Sche war’s Bayern. Wir sehen uns in ein paar Wochen wieder.

Als ich in unsere Straße einbiege, sehe ich bereits Moris, der an der Straßenecke steht. Bereit mir mit den Taschen zu helfen und mich liebevoll in Empfang zu nehmen. Ich parke das Auto, steige schnell aus und laufe ihm und somit auch meiner geliebten und vermissten Fußmassage entgegen. Mein Nachname? Glückspilz 🍀

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